365 Tage Haft und kein Ende in Sicht: Der Fall Zara Alvarez
Daniel | 30. Oktober 2013 14:38
Die Menschenrechtssituation auf den Philippinen bleibt weiter angespannt, wie immer wieder auftretende Fälle von gezielten Tötungen, lancierten Verhaftungen und die Einschüchterung von Menschenrechtsaktivisten zeigen. Dieser Artikel stammt von Hannah Wolf, die sich seit vielen Jahren mit großem Engagement für die Menschenrechte auf den Philippinen einsetzt.
Zara Alvarez, Filipina, Menschenrechtsaktivistin, politische Gefangene und alleinerziehende Mutter einer 4-jährigen Tochter, ist seit 365 Tage hinter Gittern. Sie ist eines von vielen Opfern von fabrizierten Anklagen. Ihr Verbrechen ist ihr politisches Engagement, ihr Traum von gesellschaftlichen Wandel.
„Oft kann ich nicht schlafen, mache mir Sorgen, was mit meiner Tochter passiert. Ob sie gut schläft, gut isst, gut begleitet wird… welches Trauma unsere Trennung in ihr auslösen mag und ihr Leben prägt.“ Zara Alvarez quälen viele schlaflose Nächte hinter den grauen Mauern des Frauengefängnis in Bacolod City, im Zentrum der Philippinen. Heute jährt sich ihre Inhaftierung.
Als Zara am 30. Oktober 2012 vom Einkaufen auf dem Weg nach Hause im Motorradtaxi auf die Abfahrt wartete, erschien plötzlich ein fremder Mann und griff nach ihren Händen. Sie wusste, dass dies ihre Stunde war.
Schon während ihrer Schulzeit entwickelte Zara ein starkes politisches Bewusstsein für Missstände und Ungerechtigkeit in ihrer direkten Umgebung und in ihrem Land. Sie engagierte sich in der Schulpolitik und setzte sich für bessere Lernbedingungen ein, teilte ihr Bewusstsein mit anderen und stellte sich alltäglichen Ungerechtigkeiten lautstark entgegen. Sie studierte auf Lehramt.
Nach dem Staatsexamen engagierte sie sich weiter für die Belange von Jugendlichen und Studierenden. Die Konsequenz war, dass sie ohne regelmäßiges Gehalt auskommen musste und sich der Gefahr aussetzte zur Zielscheibe staatlicher Akteure zu werden.
In den Jahren 2005-2008 erreichten die Fälle von politischen Morden und Verschleppungen von Aktivist_innen in den Philippinen vorerst ihren Höchststand. Zara nahm an Untersuchungen durch NGOs teil, half in der Organisation und der Betreuung der Familienangehörigen, nahm an Dialogen mit der Lokalregierung, Polizei und Militär teil und meldete sich als Vertreterin einer der militanten Jugendorganisationen lautstark in Protesten und Medien zu Wort.
Später leitete sie die Kampagnen und Bildungsarbeit der Menschenrechtsorganisation KARAPATAN-Negros. Auch als alleinerziehende Mutter blieb sie weiterhin aktiv und engagierte sich für Menschenrechte auf ihrer Insel, wenn auch nicht mehr an vorderster Front.
Die Gefahr, der sich Zara aussetze, verfolgte sie in Albträumen und wurde durch Drohungen und Verleumdungen greifbar, aber nie zuvor war sie so real wie am 30, Oktober 2012. Als sie der Militärangehörige in Zivil im Motorradtaxi angriff, wusste sie nur, dass ihre Stunde geschlagen hatte, aber nicht, ob ihr Mord, Verschleppung, Folter oder eine Verhaftung bevorstand.
Sie setzte sich zur Wehr, auch im Angesicht der 30 Uniformierten der militärischen Sondereinheiten, die sie wenige Minuten später umstellten und Passant_innen warnten, sich einzumischen. Sie rief um Hilfe, sie wehrte sich gegen die Handschellen, forderte einen Haftbefehl und die örtliche Polizei. Als ihr der Haftbefehl schlussendlich vorgelegt wurde, enthielt dieser weder ihren korrekten Namen, noch ihre wahrheitsgemäße Adresse. Sie wurde dennoch inhaftiert, beschuldigt ein hochrangiges und hochgefährliches Mitglied des kommunistischen Guerillas zu sein und für die Tötung eines Soldaten der philippinischen Armee angeklagt. Dieser Soldat kam am 07. März 2010 auf der Nachbarinsel ihres damaligen Wohnortes in einem zufälligen Gefecht zu Tode. Mit ihr sind 42 weitere Individuen für den Tod des Soldaten angeklagt. Viele von ihnen sind ebenfalls prominente politische Aktivist_innen und Menschenrechtsverteidiger_innen auf der Insel Negros.
Fabrizierte Anklagen sind zu einem breit angewandten und effektiven Unterdrückungsmittel geworden. Im Rahmen der militärischen Aufstandsbekämpfung macht sich das Militär beeinflussbare und bestechliche Richter_innen und Staatsanwält_innen zu nutze. Aktivist_innen werden nicht nur als Kommunist_innen gebrandmarkt und als Terrorist_innen dämonisiert, gegen sie werden darüber hinaus absurde Anklagen wegen (mehrfachen) Mordes, Raubes, Brandstiftung etc. bemüht. Diese dienen dazu, die Opposition einzuschüchtern, zu verängstigen und handlungsunfähig zu machen. Landesweit sind es momentan Berichten von philippinischen Menschenrechtsorganisationen zur Folge über 450 Politische Gefangene, 29 allein auf der Insel Negros.Zwölf Monate liegt nun der Tag zurück, an dem Zara verhaftet wurde. […]
Zwölf Monate sind eine Ewigkeit im Leben einer Vierjährigen. Die Abwesenheit der Mutter schmerzt, wie eine offene Wunde. Die gemeinsamen Stunden, sind zur Ausnahme geworden, zu einem freudigen und aufgeregt erwarteten Highlight zwischen den langen Phasen der Entbehrung.
Bei einem Besuch im Gefängnis entspannt sich ein Gespräch über Menschenrechte. Auch Zara’s Tochter hat etwas über Rechte gelernt. Auf Nachfrage, schaut die 4-Jährige ihre Mutter lang und ernst an und erklärt dann: „Ich hab ein Recht, dass du nach Hause kommst.“
Sie wollen sich für Zara’s Freilassung einsetzen? Dann beteiligen Sie sich an der Petition für Zara’s bedingungslose Freilassung: https://www.change.org/petitio
Categories: Allgemein
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